Die Kunst des Sterbens

Heri­bert Prantl hat eine Art zu erzäh­len, die es dem Zuhö­rer leicht macht, sei­nen
Wor­ten zu fol­gen. Mit sei­ner ruhi­gen Stimme, dem rol­len­den „R“, hätte der Autor, Jurist und lang­jäh­rige Lei­ter des Res­sorts Innen­po­li­tik der „Süd­deut­schen Zei­tung“ am Frei­tag­abend im Rat­hau­sprunk­saal ebenso gut Mär­chen vor­le­sen kön­nen. Statt­des­sen sprach er zu einem Thema, das seit Februar 2020 Pati­en­ten wie Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner mehr
denn je beschäf­tigt. Vor knapp ein­ein­halb Jah­ren kippte das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
den umstrit­te­nen Straf­rechts­pa­ra­gra­fen 217 zum Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ster­be­hilfe. Ärzte, die bis zu die­sem Zeit­punkt dem Wunsch eines Pati­en­ten gefolgt waren und ihm dabei hal­fen, aus dem Leben zu schei­den, mach­ten sich straf­bar. Diese Gefahr besteht seit dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, das ent­schied, dass das
Per­sön­lich­keits­recht auch ein Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben umfasse, nicht mehr. Wie das Ster­be­hil­fe­ge­setz statt­des­sen aus­zu­le­gen ist, wann, so Prantl, „die Ent­schei­dung,
ein Ende set­zen zu wol­len, wirk­lich frei­wil­lig und der Wunsch end­gül­tig ist“ und ob etwa „Lie­besund Lebens­kum­mer ein aus­rei­chen­der Grund“ dafür ist – diese Fra­gen sind auch nach dem Urteil nach wie vor offen. „Corona hat die Dis­kus­sion über die Ster­be­hilfe auf­ge­fres­sen“, so Prantl.

In sei­nem Vor­trag unter dem Titel „Recht zum Leben, Recht zum Ster­ben“ spannt der ehe­ma­lige Rich­ter und Staats­an­walt den Bogen von der Bit­ter­nis der Ein­sam­keit alter Men­schen wäh­rend der Coro­na­pan­de­mie über höchst­per­sön­li­che Erfah­run­gen mit dem
Altern und Ster­ben im eige­nen Umfeld, hin zur Kri­tik an der aktu­el­len Pfle­ge­po­li­tik und dem Zwie­spalt, den das Gerichts­ur­teil zur Ster­be­hilfe eröff­nete. Prantl doziert nicht, er erzählt. Bes­ser noch, er lässt erzäh­len. Freunde, Kol­le­gen, ver­stor­bene Ange­hö­rige und
auch CDU-Poli­ti­ker Nor­bert Blüm, der zum Ende sei­nes Lebens gelähmt im Roll­stuhl saß und davon schrieb. Sein Vor­trag arbei­tet sich an den Erfah­run­gen die­ser Men­schen
mit Alter, Krank­heit und Tod ent­lang. Er erzählt von einer alten Frau, die in einem Brief schil­dert, keine Last sein zu wol­len – weder für Kin­der und Enkel­kin­der, noch für die Gesell­schaft. Und von der Pro­ble­ma­tik, die mit dem „Jahr­hun­dert-Urteil“ ein­her­ging: „Es
war ein wich­ti­ges, rich­ti­ges, weg­wei­sen­des Urteil. Aber es hat dem Lebens­recht zu wenig Raum gege­ben.“
So sei das Gericht in Karls­ruhe von einem „kli­nisch rei­nen, einem quasi-hei­li­gen Ster­be­wil­len aus­ge­gan­gen“. Das Urteil brau­che ein Auslegungs‑, Umset­zungs- und
Aus­füh­rungs­ge­setz. „Der Gesetz­ge­ber muss ver­hin­dern, dass aus dem Recht zum Ster­ben eine soziale Pflicht wird. Das neue Ster­be­hil­fe­ge­setz darf keine Ster­be­ein­la­dung wer­den.“ Ebenso wenig dürfe zum Wei­ter­le­ben gezwun­gen wer­den, wer in freier Ent­schei­dung nicht mehr will. So sei es beson­ders die Angst vor dem Ver­lust der Würde, der bei vie­len
Men­schen den Wunsch zu ster­ben über­haupt erst her­vor­rufe bezie­hungs­weise ver­stärke. „Der Todes­wunsch ist oft auch ein Ruf nach Zuwen­dung, ein Auf­schrei gegen das Gefühl der Ver­las­sen­heit“. Gerade die Ster­be­be­glei­tung müsse in der medi­zi­ni­schen Aus­bil­dung daher eine viel grö­ßere Rolle spie­len. „Die Men­schen müs­sen ler­nen, sich recht­zei­tig mit dem eige­nen Ster­ben zu beschäf­ti­gen.“ So sprach man schon im Mit­tel­al­ter von der „ars
mori­endi“, der Kunst des Ster­bens. Men­schen müs­sen Altern „noch gründ­lich ler­nen“
Zustim­mung und Geläch­ter aus dem gut gefüll­ten Rat­hau­sprunk­saal ern­tete der Refe­rent für seine These, die Gesell­schaft habe es sich ange­wöhnt, über das Alter zu stöh­nen: „Gerade so, als ob die­ses Altern nur aus Leid bestünde.“ So habe sich schon seine Groß­mutter gefragt, wie es denn sein könne, dass man „kleine Kin­der ohne Zähne
als pos­sier­lich, die zahn­lo­sen Alten aber als häss­lich betrachte“. Die Gesell­schaft müsse ler­nen, dass der alte und demente Mensch ein Mensch ist, auch wenn er nicht mehr ver­nünf­tig ist. „Er ist ein Mensch mit Demenz und mit Leib und Seele, Sinn­lich­keit, Krea­ti­vi­tät und Emo­tion“, so Prantl. Zu den Jah­res­zei­ten eines Lebens, Früh­ling (Kind­heit), Som­mer (Arbeit) und Win­ter (Ster­ben) sei ein lan­ger Herbst dazu­ge­kom­men. „Das große und lange Altern ist so neu, dass die Men­schen es noch gründ­lich ler­nen müs­sen.“
Er träume davon, dass sich immer mehr „Herbst-Men­schen“, Men­schen, die aus dem akti­ven Berufs­le­ben aus­ge­schie­den, aber noch fit sind, um die „Win­ter-Men­schen“
küm­mern. Prantls Vision han­delt davon, dass die Betreu­ung eine neue Wert­schät­zung erfährt, dass sich eine neue Kul­tur der Hilfe bewährt. „Kin­der sind unsere Zukunft, heißt
es gern. Aber auch die Alten sind unsere Zukunft, denn unsere Zukunft ist das Alter.“

Quelle: Lands­hu­ter Zei­tung vom 25.10.2021