Musik erle­ben mit allen Sin­nen, Sinn erle­ben mit Musik“. Die­se Erleb­nis­se bringt die Musi­ke­rin und Musik­päd­ago­gin Sabi­ne Härtl im Auf­trag des Hos­piz­ver­eins Lands­hut in 12 koope­rie­ren­de Senio­ren­hei­me. Alte Men­schen sind oft aus­ge­sperrt aus dem „nor­ma­len Leben“, weil sie krank sind oder dement. Sie leben zurück­ge­zo­gen in ihrer eige­nen Welt. Mit Melo­di­en, Lie­dern und Rhyth­men las­sen sich aber auch dort­hin Brü­cken schla­gen. Sie schaf­fen Zugang zu die­sen Men­schen und besche­ren damit ganz beson­de­re Momen­te der Nähe.

Der Hos­piz­ver­ein Lands­hut hat sich in die­sem Jahr das Schwer­punkt­the­ma „Senio­ren­hei­me“ gesetzt und sich die Fra­ge gestellt: Womit, mit wel­chen Metho­den und Ange­bo­ten lässt sich die pal­lia­ti­ve Ver­sor­gung in Alten- und Pfle­ge­hei­men ver­bes­sern? Eines der Pro­jek­te ist die soge­nann­te „Musik-Gerago­gik“. Wir vom Hos­piz­ver­ein durf­ten die Musi­ke­rin Sabi­ne Härtl, aus­ge­bil­det als Sozi­al­päd­ago­gin und Musik­päd­ago­gin, bei ihrem jüngs­ten Besuch im Mat­thä­us-Stift beglei­ten.

Fünf Klang­scha­len unter­schied­li­cher Grö­ße, eine Minia­tur­har­fe, eini­ge Rhyth­mus­in­stru­men­te und ihre Gitar­re und ihre Stim­me sind das Hand­werks­zeug von Sabi­ne Härtl. Zwei­ein­halb Stun­den Zeit hat sie mit­ge­bracht, vier älte­re Damen erhal­ten heu­te musi­ka­li­schen Besuch und mit einer grö­ße­ren Grup­pe wird am Ende gemein­sam Musik gemacht.

Wel­che Lie­der Sabi­ne singt und spielt, was sie gongt, zupft und rezi­tiert ist genau abge­stimmt auf die Pati­en­tin­nen. Denn im Vor­feld holt sie sich von Pfle­gern oder Ver­wand­ten Infor­ma­tio­nen über deren musi­ka­li­sche Vor­lie­ben. Bei einer Pati­en­tin im Wach­ko­ma ist es der Song „What a won­der­ful World“ von Lou­is Arm­strong, den sie immer sehr geliebt hat – und es ist anrüh­rend zu sehen, wie sich bei den Gitar­ren­klän­gen ver­krampf­te Hän­de auf ein­mal mit bewe­gen, sich das Gesicht zu ent­span­nen scheint.

„Dass Musik etwas bewirkt lässt sich bei solch schwe­ren Fäl­len in ganz klei­nen Din­gen beob­ach­ten: Ver­span­nun­gen lösen sich, ein ner­vö­ses Zit­tern wird leich­ter, die Atmung wird ruhi­ger oder sie schla­fen ein­fach ein“

Sabi­ne Härtl


Im nächs­ten Zim­mer wird es leben­di­ger und mit Sabi­ne kommt immer auch ein Schwung Fröh­lich­keit ins Zim­mer. So brum­melt eine der bei­den Bewoh­ne­rin­nen zum „Lus­ti­gen Zigeu­ner­le­ben“ gar ein wenig mit, freut sich über Früh­lings­lie­der, erzählt von ihrer Hei­mat und sie fasst ihre demen­te Zim­mer­ge­nos­sin immer wie­der am Arm und bestä­tigt sich und ihr: „Das ist doch wirk­lich schön, nicht?“

Klän­ge, Har­mo­ni­en und Schwin­gun­gen der Instru­men­te trans­por­tie­ren nicht nur Stim­mun­gen, son­dern sie kön­nen auch ver­schüt­te­te Emo­tio­nen und Erin­ne­run­gen bei alten Men­schen reak­ti­vie­ren. Vor allem bei demen­ten Men­schen, die über unse­re gewohn­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge nicht mehr erreich­bar sind, ist die Musik ein direk­ter Ver­bin­dungs­weg ins Unter­be­wusst­sein.

Und mit­nich­ten sind es immer die Kli­schees, die gefragt sind, die man unter „Senio­ren-Musik“ sor­tiert: wie Schnee­wal­zer, Hoch auf dem gel­ben Wagen, Am Brun­nen vor dem Tore. „Es kommt ein­fach auf die indi­vi­du­el­le Geschich­te drauf an, auf was die Men­schen dann auch in einer Demenz­si­tua­ti­on anspre­chen“, erklärt die The­ra­peu­tin. Des­halb hat sie als Musi­ke­rin auch ein breites­Spek­trum von Inter­pre­ten und Musik­stü­cken auf Lager. Pas­sen muss­te sie bis­her nur ein­mal, da wünsch­te sich ein älte­rer Herr ein Stück von ACDC. „Aber er hat sich dann auch über ein Beat­les-Stück sehr gefreut.“

Als Abschluss des Nach­mit­tags geht es dann noch mit der Grup­pe ans Musi­zie­ren. Knapp 20 Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen des Mat­thä­us-Stifts sind mit gro­ßer Begeis­te­rung und Spaß beim Klat­schen, Stamp­fen, Sin­gen und Rum­ba-Kugeln Schwin­gen, um den Win­ter aus­zu­trei­ben. Wären nicht die Roll­stüh­le, Rol­la­to­ren und Geh­hil­fen – man wür­de die Sän­ger und Sän­ge­rin­nen nicht in einem Senio­ren­heim ver­or­ten.